Bitte wenden Sie jetzt!

 

Die Wirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise

Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einer der schwersten Wirtschaftskrisen nach dem zweiten Weltkrieg. Manche mutmaßen, dass wir uns in einer Krise befinden, die mit der Weltwirtschaftskrise 1929 vergleichbar sei. Dieser Vergleich scheint jedoch übertrieben, da es deutliche - qualitative und quantitative - Unterschiede gibt und mit diesem unangebrachten Vergleich so allenfalls (unnötig) Angst geschürt wird.
Aber in der Tat stehen die Zeichen mittlerweile auf Sturm. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, Europa und den USA verschlechtert sich deutlich. Menschen verlieren ihre Arbeit, können ihre Kredite und Zinsaufwendungen nicht mehr bedienen. Automobilfirmen produzieren auf Halde bzw. haben für Ende dieses Jahres ihre Produktion eingestellt, melden Kurzarbeit, und zahlreiche Autohändler haben bereits ihre Geschäftstätigkeit aufgeben müssen oder stehen wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Vor Angst schränken die Verbraucher ihre Ausgaben ein und sparen mehr als zuvor. Die Unternehmen verhalten sich ähnlich und schränken ihre Investitionen ein.

Der Ruf nach dem Staat wird immer lauter. Selbst gestandene Marktwirtschaftler sehen die Lösung momentan in staatlichem Handeln, staatlichen Bürgschaften, Krediten oder Zuschüssen. Nach den Banken, denen der Staat tatsächlich mit einem milliardenschweren Rettungsprogramm unter die Arme greift, hoffen ganz unterschiedliche Produzenten, Branchen und Zulieferer nun ebenfalls auf staatliche Hilfe; viele mit dem fast unschlagbaren Argument, dass sonst die Insolvenz drohe und dutzende, hunderte oder gar tausende Arbeitsplätze verloren gingen.

Zum Hintergrund: In den USA platzte die so genannte Immobilienblase. Seit Jahren erhöhte sich die Verschuldung von Privatpersonen insbesondere im Zusammenhang mit dem Kauf von Immobilien. Banken vergaben Kredite an Privatpersonen, die nach (strengen) Maßstäben der kaufmännischen Sicherheit nicht als kreditwürdig angesehen werden konnten. Die Nachfrage nach Häusern stieg, was dazu führte, dass die Immobilienwerte weiter anstiegen. Die Menschen waren auf dem Papier nun teilweise reicher als zuvor, da der Wert ihrer Häuser gestiegen war. Gleichwohl waren sie auch hoch verschuldet. Es wurden immer mehr Kredite vergeben und höhere Kreditlinien eingeräumt; begünstigt von den anhaltend geringen Zinsen in den USA. Die Kredite wurden auf internationalen Finanzmärkten gehandelt und zum Kauf angeboten; nicht selten mit speziellen Finanzprodukten kombiniert. Hier waren nun auch europäische und deutsche Banken involviert. Sie alle witterten ein gutes Geschäft, bis die so getriebene Immobilienblase förmlich platzte. Die Gier und Maßlosigkeit habe, - so Horst Köhler - maßgeblich zu der Krise beigetragen.

Der Kreislauf aus Verschuldung, Immobilienwertsteigerung und erneuter Verschuldung fand plötzlich ihr Ende. Viele Schuldner konnten die Kredite nicht mehr bedienen, und bei einzelnen Banken erhöhte sich so in kurzer Zeit der Finanzbedarf, da sie mit steigenden Forderungsausfällen konfrontiert waren. Das Banken- und Finanzsystem schränkte den Geldfluss stark ein, da nun die Angst und nicht das Vertrauen im Vordergrund stand: die Angst, das an andere Banken und Kreditinstitute verliehene Geld nicht mehr zurückzuerhalten. Im Weiteren verloren dann nicht nur die Immobilien, sondern auch die vergebenen Kredite schnell und deutlich an Wert. Diese Wertverluste verstärkten die benannten Spannungen im Banken- und Finanzsystem und verschärften die Krise. Neben den reinen Sach- und Finanzwerten ging aber auch das Vertrauen in das System und in die Leistungsfähigkeit der freien Märkte verloren.

Im Zeitalter der Globalisierung gilt mehr denn je: Alles hängt mit allem zusammen. Die wirtschaftliche Entwicklung in dem einen Land hat unmittelbare und mittelbare Auswirkungen auf andere Länder und Staaten Aus der Finanzkrise wird so eine Wirtschaftskrise, die in einer stark vernetzten Welt viel schneller als bisher ihre Kreise zieht, bei den Menschen auf der ganzen Welt ankommt und reale Wirkung entfaltet. Betroffen sind – und dies sei ausdrücklich betont – nicht nur die Menschen in den Industrieländern, sondern auch die Bevölkerung in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die Situation in den ärmsten Ländern der Welt verschlechtert sich, weil sich einerseits die Transfers, Kredite und Spenden der reichen Länder verringern. Die Befürchtung sinkender Entwicklungshilfen ist real. Andererseits sind die Entwicklungsländer von einer weltweit sinkenden Wirtschaftsleistung besonders hart betroffen, da hier - von einem deutlich geringeren Niveau ausgehend- die Krise für die Menschen schnell existenzbedrohende Formen annimmt.

Tatsächlich, wir leben in bewegten Zeiten. Wären unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik mit einem Navigationsgerät ausgestattet, dann würden wir vermutlich seit Wochen nur noch eine Anweisung erhalten: „Bitte wenden Sie jetzt!”

Das weltweit dominierende marktwirtschaftliche System steht vor einer harten Bewährungsprobe. Düstere Prognosen für die Wirtschaft sind daher im Extremfall auch düstere Prognosen für marktwirtschaftliche und demokratische Systeme. So droht zusehends auch eine Krise der Demokratie. Einige Experten glauben trotz des gewaltigen US-Hilfsprogramms von ca. 750 Mrd. US-Dollar, dass die Höhe dieser staatlichen Intervention insgesamt noch zu gering bemessen sei, um die Wirtschaft in den USA nachhaltig positiv zu beeinflussen. Andere halten solche staatlichen Eingriffe grundsätzlich für falsch und befürchten ein wirtschaftliches Strohfeuer, das mit einer hohen Staatsverschuldung erkauft wird. Vieles spricht in dieser Situation jedoch für eine ausgeprägte Nachfrageschwäche, die durch staatliche Fördermaßnahmen durchaus ökonomisch sinnvoll bekämpft werden kann.

Nach vielen Jahren sinkender Reallöhne in Deutschland - so Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage - gelte es nun die Kaufkraft der Bürgerinnen und Bürger zu stärken, Vertrauen zu bilden und so für mehr kaufkräftige Nachfrage zu sorgen. Der Export, der so lange gefördert wurde und die schwache Inlandsnachfrage ausgeglichen hat, ist nun eher ein Teil des Problems als die Lösung. Die Unsicherheit bei den Menschen in Deutschland führt indes zu einer weiter ansteigenden Sparquote, was einerseits vor dem Hintergrund von Kurzarbeit und drohender Arbeitslosigkeit mehr als verständlich ist, aus gesamtwirtschaftlicher Sicht die Krise aber eher verschärft.

Die Europäische Zentralbank reagiert mit der deutlichsten Zinssenkung seit ihres Bestehens: Ende 2008 um 75 Basispunkte. Das ist der richtige Schritt. Die Wirtschafts- und Währungsunion bewährt sich in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen und bietet mehr Stabilität als früher. Bedauerlich ist jedoch die ansonsten mangelnde wirtschafts- und finanzpolitische Abstimmung in Europa. In der Analyse der Situation sind sich die Regierungen in Europa einig, aber die für notwendig erachtete Therapie zur positiven Beeinflussung der Konjunktur sieht sehr unterschiedlich aus.

Die eher abwartende Haltung der Politik kann sich rächen und spätere Aktionen kommen vielleicht tatsächlich zu spät. Denn auch dies ist eine Erkenntnis: Die Krise schaukelt sich auf und verschärft sich, wenn die selbst regulierenden Marktkräfte, die es ohne Zweifel gibt, nicht ausreichen. Die Krise verschärft die Krise, verschlingt das Vertrauen in die Zukunft, die Banken, die Politik und unser Wirtschaftssystem. Je mehr Werte, Arbeitsplätze, Vertrauen usw. verloren gegangen sind, umso schwieriger wird es, diese wieder aufzubauen bzw. wiederherzustellen. Wenn man mit dem Auto von der Straße abzukommen droht, warten wir auch nicht mit dem Gegensteuern, bis wir im Graben liegen, sondern lenken gezielt und frühzeitig in die andere Richtung. Liegen wir aber bereits mit unserem Fahrzeug im Graben, ist ein Gegensteuern wirkungslos.

Die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft sollten mehr als bisher das Heft des Handelns in die Hand nehmen und damit auch mehr positive Signale nach außen geben. Ein so genannter Rettungsschirm für die Banken, der mehrere Milliarden Euro umfasst, reicht allein nicht aus. Dieser war jedoch der richtige Schritt - gerade noch zur rechten Zeit - um den größten anzunehmenden Unfall, einen Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems zu verhindern. Die Politik sollte sich mehr als bisher vom vorhandenen wirtschaftlichen Sachverstand leiten lassen und sich besser mit den Nachbarländern, aber auch mit den führenden Industrieländern und Schwellenländern abstimmen. Im Zeitalter der Globalisierung kann die Krise nur durch konzertierte Aktionen, gemeinsame Stellungnahmen und Absichtserklärungen wirksam bekämpft werden.

Diese Krise - so schlimm sie auch sein mag - hat dennoch ihre gute Seiten: Die Interdependenzen, sprich wechselseitigen Abhängigkeiten, werden in hohem Maße sichtbar. Wir erkennen, dass wir in vielen Bereichen nur gemeinsam Erfolg haben können.

Auch die letzten Zweifler dürften erkennen, dass weltweite Finanzmärkte gemeinsamer und klarer Spielregeln bedürfen, da sie ansonsten unkontrolliert die Marktwirtschaft in ihren Grundfesten erschüttern, diskreditieren und in eine Wirtschaftskrise bzw. „Berechtigungskrise” führen. Das immer wieder vorgetragene Argument, dies sei international nicht durchzusetzen - ja sogar utopisch - hat endgültig seine Bedeutung verloren!

Durch die aktuelle Krise wird klar: monetäre, finanzielle Aktionen entfalten (deutliche) Wirkungen in der Realwirtschaft. Diese Erkenntnis ist zwar ebenfalls nicht neu, war aber durchaus in ihrer Bedeutung umstritten. Monetäre (staatliche) Eingriffe dürften jetzt eine höhere Akzeptanz haben als zuvor. Und eine weitere Erkenntnis: Staatliches Handeln ist zur Steuerung und Gestaltung wirtschaftlicher Prozesse und Ergebnisse notwendig und sinnvoll. Allerdings kann es nicht die Aufgabe des Staates sein, die Wirtschaft in allen Bereichen zu lenken, zu beeinflussen zu schützen und damit Marktwirtschaft und Wettbewerb außer Kraft zu setzen.

Die Krise hat mithin ihre „guten Seiten”, wenn wir diesen Erkenntnisgewinn auch in den kommenden Monaten und Jahren bewahren und aktiv nutzbar machen. Das Modell der Sozialen Marktwirtschaft mit dem Grundsatz der wirtschaftlichen Freiheit und des sozialen Ausgleichs wird auch auf der globalen Ebene immer attraktiver. „So viel Staat wie nötig und so wenig Staat wie möglich” ist ein Grundsatz der Sozialen Marktwirtschaft, der nicht nur auf nationaler Ebene Gestaltungskraft, sondern international an Bedeutung gewinnen wird. Die Institutionen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) sowie die Welthandelsorganisation werden (hoffentlich) in ihren Funktionen und Verantwortlichkeiten verändert und gestärkt aus dieser Krise hervorgehen, so dass eine global gleichmäßigere, kontinuierlichere und gerechtere wirtschaftliche Entwicklung möglich wird. Dies ist nicht zwingend der Fall, aber m. E. eine realistische und wünschenswerte Variante. Ansonsten hätten wir die mehrfache und deutliche Ansage: „Wenn möglich bitte wenden” überhört.

Johannes Robert Kehren

Weiter Informationen finden sich bei:
www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de
www.bundesregierung.de
www.bundesbank.de/ezb/ezb.php
www.vz-nrw.de (Verbraucherzentrale NRW)

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