Eine Welt ohne Hunger
Insgesamt wenig beachtet fand vom 16. bis 18. November 2009 in Rom der Welternährungsgipfel statt. Die FAO, die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, in der immerhin 192 Staaten dieser Erde Mitglied sind und die diesen Gipfel organisierte, brachte für kurze Zeit die längst bekannte Misere wieder ans Licht: Weltweit hungern eine Milliarde Menschen, d. h. jeder sechste bzw. siebte Mensch hungert!
Vision und Wirklichkeit
Weltweit hungern eine Milliarde Menschen, d. h. jeder sechste bzw. siebte Mensch hungert! 200 Millionen Kinder sind unterernährt. Jedes Jahr sterben ca. 9 Millionen Menschen an Hunger, vornehmlich Kinder. Das bedeutet: Alle sechs Sekunden stirbt ein Mensch/ein Kind. „Wir brauchen von den Regierungen jährlich etwa 44 Milliarden Dollar (29,5 Milliarden Euro), um den Hunger mit einer höheren Agrarproduktion und einer angekurbelten Landwirtschaft in der Dritten Welt auszurotten”, so wird der Generaldirektor der FAO vor und während des Welthungergipfels zitiert. Die Präsidentin der Welthungerhilfe Barbara Diekmann sprach in diesem Zusammenhang von einem drohenden „Hunger-Jahrhundert”, dem enorme Anstrengungen entgegenzusetzen seien, wenn der Welthunger erfolgreich und nachhaltig bekämpft werden soll.
Dabei geht es – wie wir längst wissen – nicht vornehmlich um finanzielle Zuwendungen, die für Nahrungsmittel ausgegeben und den Hungernden spontan zu Verfügung gestellt werden, um eine akute Notsituation zu lindern. Vielmehr sollen die Menschen über eine funktionierende Landwirtschaft und Fischerei in die Lage versetzt werden, sich selbst zu ernähren und eigenverantwortlich zu wirtschaften und zu leben. Also sprechen wir von der Hilfe zur Selbsthilfe – z. B. für Kleinbauern zwecks Schaffung langfristiger (Überle-bens-)Perspektiven. Die Wege und Mittel zur Erreichung dieser Ziele sind bekannt, auch wenn sie nur jeweils individuell angepasst für das jeweilige Land, die Region und deren Menschen zum Erfolg führen. Es liegt wie so oft kein Erkenntnis-, sondern ein Realisierungsproblem vor. Die vor Jahren von der UN ausgerufenen Entwicklungsziele sind weder erreicht worden, noch ist der angesagte Kampf gegen den Hunger erfolgreich. Das 1996 gesetzte Ziel, die Zahl der Armen und Hungernden weltweit annähernd zu halbieren, ist völlig verfehlt und es stellt sich die Frage, warum es nicht erreicht wurde und wir heute sogar noch weiter von der Zielerreichung entfernt sind als zuvor. Antworten hierzu gibt es viele, einige finden sich u. a. in dem Buch von Jean Ziegler „Wie kommt der Hunger in die Welt?”. Hier wird deutlich: Hunger ist kein Schicksal.

Während in den entwickelten Industrieländern immer mehr Menschen an Übergewicht und den negativen Folgen leiden, nimmt gleichzeitig die Zahl der Hungernden weltweit zu. Vielleicht, weil die Entwicklungshilfepolitik teilweise verfehlt ist, oder weil Misswirtschaft und Korruption in einigen Regionen und Ländern ebenso die Versorgungslage verschärfen wie die weltweit gestiegenen Lebensmittelpreise, die insbesondere die ärmsten Länder und Menschen belasten. Dürrekatastrophen und Missernten z. B. in weiten Teilen Afrikas sind weitere mögliche Erklärungsansätze. Die Entschlossenheit, dieser Entwicklung politisch, gesellschaftlich und vor allen Dingen wirtschaftlich entgegen zu wirken, ist indes gering. Es ist sicherlich falsch, die Begründung des Welthungers vornehmlich in der wachsenden Weltbevölkerung zu sehen. Denn nach Einschätzung von Experten reichen die aktuell vorhanden Nahrungsmittel und Ressourcen völlig aus, die Menschheit zu ernähren. Hunger kann besiegt werden(!), aber die Bemühungen bleiben weit hinter den Möglichkeiten zurück: Auch der „aktuelle” Welternährungsgipfel, an dem nur wenige Regierungschefs teilnahmen, ging ohne erkennbare verbindliche Strategie zur Bekämpfung des Hungers und ohne größere finanzielle Zusagen zu Ende. Würden die führenden Industrienationen und Schwellenländer sich darauf verständigen, den Hunger ebenso konsequent, eindringlich und tatkräftig zu bekämpfen wie die momentane Finanz- und Wirtschaftskrise, dann dürften wir die begründete Hoffnung haben, die Zahl der hungernden Menschen in absehbarer Zeit deutlich zu verringern. Ein lohnendes Ziel. Denn Überfluss, Verschwendung und Hunger passen auf Dauer nicht in eine solidarische und friedfertige Welt.
Die Zahlen, die Hintergründe und konkreten Aspekte zum Thema Hunger werden in einer multimedial geprägten (westlichen) Welt zwar anschaulich dargestellt, aber gleichzeitig ist es äußerst belastend und „unappetitlich”. So findet dieses wichtige Thema kein nachhaltiges Echo in der Öffentlichkeit, nur wenig Raum in den Medien und insgesamt geringe Resonanz. Das ist gut nachvollziehbar, aber äußerst bedauerlich. Dabei ist Hilfe und Unterstützung auf sehr unterschiedliche Art und Weise denkbar: Sei es die Spende an die Welthungerhilfe, die Fördermitgliedschaft bei Unicef und Misereor oder die Unterstützung und Mitgliedschaft bei FIAN, einem leider weitgehend unbekannten Netzwerk zur Bekämpfung von Hunger.
Wir alle sind gefordert, nicht nur humanitäre Hilfe zu leisten, sondern auch dem Recht auf Nahrung zur Geltung zu verhelfen. Auch wenn viele es nicht wissen: Das Recht auf Nahrung ist ein Menschenrecht! Und die Vision bzw. das Ziel „eine Welt ohne Hunger” zu schaffen, hat eine positive Ausstrahlung und stärkt die Motivation. Denn vermutlich stehen viele Menschen nur deshalb dem Thema reserviert gegenüber, weil sie sich als Einzelne überfordert sehen und ohnmächtig fühlen oder weil sie den Eindruck haben, dass sie die Zusammenhänge nicht durchschauen und glauben, dass sie ohnehin keine Einflussmöglichkeiten haben. Das muss nicht so sein, weil es tatsächlich möglich ist, den Hunger zu besiegen, um dann auch den Blick z. B. auf weitergehende Entwicklung und Bildung zu richten. Vielleicht sollte viel öfter über die Ursachen, aber auch besonders über die Chancen gesprochen werden, die sowohl auf staatlicher, internationaler und damit politischer aber auch ganz persönlicher Ebene ihren Ansatzpunkt finden. Ob nun durch die Welternährungskonferenz und die Staatengemeinschaft oder durch private Aktionen und (außergewöhnliches) persönliches Engagement, wie wir es z. B. bei Karlheinz Böhm sehen, der durch seine Initiative „Menschen für Menschen” klare Erfolge vorweisen kann. Eines sollte jedoch auf keinen Fall geschehen: Dass wir die hungernden Menschen vergessen oder die Herausforderung ausblenden, weil wir glauben, durch die Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise keinen ausreichenden Handlungsspielraum zu haben. Das wäre fatal und falsch.
Wie Rheinhard Marx, Erzbischof von München, am 13.11.2009 im Handelsblatt treffend formulierte: „Zuerst kommt der Mensch, dann der Markt!”
Johannes Robert Kehren
Zur intensiveren Beschäftigung mit dem Thema hier einige Empfehlungen:
www.brot-fuer-die-welt.de
FAO: www.fao.org
FIAN: www.fian.de
Misereor: www.misereor.de
Unicef: www.unicef.de
Welthungerhilfe: www.welthungerhilfe.de
Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe:
www.menschenfuermenschen.de
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: www.bmz.de
Jean Ziegler: „Wie kommt der Hunger in die Welt?
Ein Gespräch mit meinem Sohn”
