Bildung, die ankommt
Dreigliedriges Schulsystem, Turbo-Abitur, verschulte Universitäten, veraltete Lehrpläne, fehlende Chancengleichheit, unzufriedene Schüler, Lehrer und Eltern: Die deutsche Bildungspolitik sorgt kontinuierlich für Diskussionen und dominiert zu großen Teilen die Debatten auf den politischen Bühnen. Kompromisse scheinen hier nur schwer möglich zu sein.
Bildungsideale lassen sich jedoch nicht nur auf strukturelle Fragen im Hinblick auf die Topographie von Bildungslandschaften und Leistungsstandards reduzieren. Damit Bildung ihre Wirkung im Menschen auch wirklich entfalten kann, sollten Bildungskonzeptionen in ihrer grundsätzlichen, inhaltlichen und visionären Ausgestaltung die Nähe zum Menschen als Maxime voraussetzen.
Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln, resümierte einst der englische Philosoph Herbert Spencer. Handeln meint hier die Fähigkeit, mit reflektierendem Wissen den Anforderungen und strukturellen Veränderungen der Gesellschaft mental gewachsen zu sein. Das favorisierte Motiv des Lernens – damit ist im Schulmodus vielerorts nur der reine Lernerfolg und Lerndruck gemeint: Die Wissensleistung, die Wissenskonkurrenz, die Bewertungserwartung, abgebildet im Notenspiegel – führt häufig dazu, dass Bildung eben nur im Kopf ankommt, das heißt, kaum mehr einen nachhaltigen Charakter aufweist.

Die Kunst des Lernens dagegen zielt darauf, eine Wahrnehmung und Offenheit für Neues zu entwickeln, die Möglichkeiten auszuloten, sich und sein Leben immer wieder auch verändern zu können, Fähigkeiten zu erarbeiten, gesellschaftliche und globale Entwicklungen, individuelle und soziale Erfahrungen in konstruktivem Sinne gedanklich miteinander zu verknüpfen. Geschulte Sinne sind somit das wichtigste Rüstzeug, die Grundlage jeder Bildung. Es gilt die Vorstellungskraft und somit die geistigen Fähigkeiten zu trainieren, die es dem Menschen in Zeiten der Unübersichtlichkeiten erlauben, über die vielleicht wirklich bedeutenden Fragen des Lebens nachzudenken, beispielsweise was wir für uns oder für spätere Generationen hoffen dürfen, was unserer Zeitwanderung Sinn verleiht, wo unsere Gestaltungsspielräume liegen oder für welche Werte wir stehen wollen. Eine nachhaltige Bildungspolitik zielt auf die Schaffung guter Rahmenbedingungen wie z.B. Klassengröße, Schulsozialarbeit, Beratungsangebote, pädagogische Assistenten und unterstützt Lehrerinnen und Lehrer darin, eben diese Kunst des Lernens zu fördern.
Wie soll Bildung heute in diesem Sinne geschehen mit einer Generation, die gerade mit dem großen digitalen Rauschen und den Milliarden von Infoschnipseln groß wird? Um das Tempo in dieser beschleunigten Welt halten zu können, bedarf es der hoch angespannten Aufmerksamkeit nach allen Seiten, einer Orientierungsfähigkeit, um sich in der Welt der Bytes und Pixel zurechtzufinden; eine Informationsgesellschaft und die ständig am Fortschritt und Wirtschaftswachstum orientierten Arbeitsmärkte erzwingen diese geradezu. Die daraus resultierenden Abhängigkeiten pflanzen sich über alle Bereiche des Lebens fort, sie wirken beispielsweise auf unser Informationsbedürfnis, unsere Lern- und Lesegewohnheiten, unser Kommunikationsverhalten und definieren somit auch die Rahmenbedingungen sozialer und beruflicher Lebenswelten. Wo bleibt hier noch Zeit und Muße für beharrliches Denken, kluges Urteilen und kritisches Vergleichen? Bereitet Bildung darauf vor, das Leben auch nach anderen Regeln zu beurteilen als denen, welche die Rechner und Infoplattformen präsentieren? Bereitet Bildung darauf vor, Interessen, Standpunkte und Bedürfnisse differenziert artikulieren zu können? Bereitet Bildung darauf vor, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, Verantwortung zu tragen oder individuelle, soziale oder politische Belange anpacken zu können? Bereitet Bildung darauf vor, sich von der Armut anderer Menschen berühren zu lassen oder klug mit ökologischen Ressourcen umzugehen? Tut sie es nicht, so findet sich folgerichtig das Leistungsparadigma zu verständlich in einem Bildungsverständnis wieder, das dem wirtschaftsorientierten Zeitgeist unserer Gesellschaft in nur ganz pragmatischer Weise gerecht werden will. So werden notgedrungen auf der Bildungskarte klar strukturierte und messbar portionierte Lernhäppchen angeboten. Das Ergebnis: Die Menschen werden fachlich einsilbig, je nach Schulabschluss als Mängelwesen definiert, in einem der Labyrinthgänge einer schnelllebigen Wissensverwertungsindustrie verortet. Gelebtes Life Design zwischen Leistungserbringung und Hartz IV. Kann so die nachhaltige Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter zurückgewonnen werden? Oder mit anderen Worten: Was können wir tun, um das Denken im Kopf zu behalten und damit auch den Umgang mit Technik und die wirklichen prinzipiellen Zielsetzungen, die Basiserfordernisse von Bildung neu zu diskutieren?
Nur eine Lernkultur, die Handlungsfähigkeit ermöglicht und auf eigene Erfahrungen verweist, kann schlussendlich auch das Gefühl erreichen und damit den ganzen Menschen, losgelöst vom alleinigen Diktat des Funktionierens und gleichförmiger Formensprachen. Es geht somit keineswegs um eine Kritik der Informationstechnologien als Ganzes, sondern um eine kritische Reflexion wirklichkeitsferner eindimensionaler Artikulationsmuster. Es geht um die Auseinandersetzung mit der sozialwissenschaftlichen Grundfrage, inwieweit man selbst Produkt oder Gestalter seiner Umwelt ist? Es geht aber auch um den behutsamen Umgang mit der eigenen Lebenszeit.
Der Religionsphilosoph Martin Buber verstand wirkliches Leben als Begegnung; übertragen auf Lernkunst und Informationstechnologie kann das heißen: keine Subjekt-Objekt-Beziehung, keine Gewohnheiten und Routinen, kein Verstecken hinter dem Rechner, keine digitalorientierte Sprachverkürzung, keine Ich-Auflösung, kein Maskenspiel. Das wirkliche Leben verlangt nach Gegenwart, nach dem Moment, nach der ungeplanten Emotion im Hier und Jetzt, findet im ganz konkreten Miteinander, aber auch in der Auseinandersetzung mit sich selbst statt. Natürlich, solide Kenntnisse über Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kunst und Literatur begünstigen das Urteilsvermögen, die Fähigkeit zu vergleichen, zu erwägen, abzuwägen, zu unterscheiden.
Ausschlaggebend ist aber letztlich das eigene Befinden in dieser Welt, häufig geprägt von Erfahrungen aus echten Begegnungen. Letztlich handelt und entscheidet der Mensch so, wie er sich in dieser Welt fühlt.
Welche Farben gemeinter Normalität bestimmen nun die Gefühlsbilder der jungen Menschen? Was motiviert sie, was treibt sie an und warum? Begeben sie sich noch auf die Suche nach ganz neuen Farbkompositionen? Oder adaptieren sie nur die gemeinhin präsentierten Bilder als die ihrigen? Und wenn sie auf die Suche gehen, wo wird gesucht?
Im Hinblick auf die Allgegenwärtigkeit digitaler Netze und Kommunikationswelten sollte heute der Mensch mehr denn je darauf vorbereitet werden, die Entstehungsgeschichte, Voraussetzungen und Bedingungen eigener Wahrnehmungen, Emotionen, Vorstellungen, Sprachformen und Handlungen sorgsam zu reflektieren: Was gehört wirklich zu mir und was eben nicht! Im Verlauf dieses oft mühsamen, aber doch sehr emanzipatorischen Prozesses kann das Individuum die Chancen von der Freiheit im Denken neu entdecken und eröffnet sich über diese Erfahrungen auch neue Perspektiven einer selbstbestimmten Lebensgestaltung. Informations-technologien und internetbasierte soziale Netzwerke können im Rahmen dieses Selbstfindungsprojekts einzig und allein nur Hilfsmittel und Forum sein, eigene Erfahrungen zur Diskussion zu stellen und eingehende Beiträge und Impulse als Ausschnitte eines gesellschaftlichen Gesamtbildes zu betrachten, dessen Grundstruktur es zu erkunden gilt.
Gute Bildung muss Menschen zu wirklicher Reflexion auf unwegsamen Gelände anregen können! Gute Bildung dockt an der Lebenswirklichkeit des Individuums an! Gute Bildung fördert das Bedürfnis im Menschen, in der konkreten Begegnung mit dem Anderen das Eigene auch erkennen zu wollen! Gute Bildung unterstützt den Menschen, eigenen Bedürfnissen und Wahrnehmungen auf die Spur zu kommen! Gute Bildung soll helfen, selbstbestimmt leben zu können! Wird diese Kunst des Lernens gelehrt und persönlich erfahren, kommt Bildung auch an.
Dr. Robert Schmidt
